Ein unterwürfiger Mensch,
ist er schwach oder auch stark?
Warst Du schon mal in einer Situation, in der Du genickt hast, obwohl Du eigentlich anderer Meinung warst? Vielleicht ist es sogar öfter passiert. Hast Du Dich danach gefragt, warum Du nicht einfach gesagt hast, was in Dir war? Man nennt dieses Verhalten Unterwürfigkeit.
Woran Du erkennst, ob es sich um eine Schwäche oder eine Stärke handelt, erfährst Du in diesem Beitrag.
Ein unterwürfiger Mensch - Das Wichtigste in Kürze
Unterwürfiges Verhalten hat selten mit Schwäche zu tun. Meist steckt Angst dahinter. Die Angst, aufzufallen oder nicht mehr dazuzugehören. Doch dahinter kann auch etwas ganz anderes liegen.
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Eine Situation von damals
Ich saß am Tisch, umgeben von Menschen, die in eine Diskussion verwickelt waren. Alle waren einer Meinung, nur ich hatte eine andere. Aber ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen. Die anderen waren so viele, und ich fühlte mich allein. Am liebsten wäre ich weggelaufen.
Was habe ich stattdessen getan? Ich habe gelächelt, obwohl mir nicht danach war. Ich habe genickt, obwohl in mir etwas ganz anderes war.
Kurz gesagt, ich habe mich klein gemacht. So klein, dass ich mich selbst kaum noch wahrgenommen habe.
Damals dachte ich mir, dass es ja nicht so schlimm sei, es merkt ja niemand, wenn ich mich zurückhalte. Heute weiß ich, ich hatte Angst. Angst davor, aufzufallen, Angst davor, wegen meiner Meinung angegriffen zu werden und aus dieser Angst heraus habe ich mich unterwürfig gegeben.
Ein unterwürfiger Mensch, wie wird man das?
Unterwürfigkeit entsteht selten von einem Tag auf den anderen. Meist reicht sie zurück bis in die Kindheit oder in frühe Erfahrungen, in denen Anpassung sicherer war als der eigene Standpunkt.
Vielleicht haben wir früh gelernt, dass Harmonie wichtiger ist als die eigene Meinung, oder dass Widerspruch Ärger, Streit oder Ablehnung nach sich zieht. Manchmal spielt auch die eigene Veranlagung eine Rolle.
Manche Menschen bringen von Geburt an eine feine Wahrnehmung für Stimmungen und Spannungen mit, die sich im Zusammenspiel mit bestimmten Erfahrungen zu Unterwürfigkeit entwickeln kann.
Unterwürfigkeit ist selten ein Charakterzug,
den wir uns ausgesucht haben
Meist ist sie eine Antwort auf ein Bedürfnis, das damals ungestillt geblieben ist, dazuzugehören und nicht abgelehnt zu werden.
Entscheidend ist nicht, genau zu wissen, woher die Unterwürfigkeit kommt. Vielmehr geht es darum, sie als das zu verstehen, was sie einmal war, nämlich ein Schutz.
Wie sich unterwürfiges Verhalten im Alltag zeigt
Unterwürfiges Verhalten zeigt sich nicht immer so deutlich wie in meinem Beispiel am Tisch. Manchmal wirkt es schleichend und über längere Zeit.
Vielleicht stimmen wir anderen zu, obwohl wir innerlich widersprechen möchten. Wir entschuldigen uns, obwohl wir nichts falsch gemacht haben. Wir rechtfertigen uns, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Wir überlassen anderen die Entscheidung oder sagen Ja, obwohl wir etwas anderes fühlen.
Bei mir hat es dazu geführt, dass ich immer weniger aus dem Haus gegangen bin. Ich hatte keine Freude mehr daran, mich mit anderen zu treffen, weil ich befürchtete, wieder eine Situation zu erleben, in der ich mich allein fühlte.
Für mich wurden die Situationen immer unerträglicher. Ich wollte mich so nicht mehr fühlen, doch ich hatte keine Idee, wie ich etwas verändern konnte. Erst später habe ich verstanden, was dahintersteckte.
Wenn Du erkennst, dass Du Dich zu oft anpasst, hört gerne auch mal in die Podcast-Folge Zu viel gefallen lassen hinein.
Die Angst hinter der Unterwürfigkeit verstehen
Unterwürfiges Verhalten fühlt sich selten wie eine bewusste Entscheidung an. Es läuft eher wie ein automatisches Programm, das immer dann anspringt, wenn Angst im Spiel ist. Die Angst, allein dazustehen. Auch die Angst, abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden.
Ich habe lange gedacht, ich würde mich einfach zurückhalten. Erst später habe ich verstanden, dass ich es gar nicht "mache". Es geschah einfach, sobald diese Angst auftauchte, oft schneller, als ich bewusst reagieren konnte.
Vielleicht kennst Du das auch. Ein Gefühl, das sich einschaltet, bevor Du überhaupt merkst, dass es da ist. Es war kein bewusster Rückzug, sondern ein Schutzmechanismus, der zur Gewohnheit geworden ist.
Wann Unterwürfigkeit schadet, und was dahinter Stärke sein kann
Was sich als Unterwürfigkeit zeigt, kann auf echten Stärken basieren. Diese können aus echter Rücksichtnahme entstehen, aus Einfühlungsvermögen, aus dem Wunsch nach Frieden und Verbundenheit. Das sind wertvolle Qualitäten, für Dich selbst und für die Menschen um Dich herum.
Doch sobald Angst ins Spiel kommt, wandelt sich die Stärke. Das ist ähnlich wie bei einem Glas, das umfällt und dessen Inhalt sich auf dem Tisch verteilt. Was einmal kraftspendend und nährend im Glas war, verläuft in alle Richtungen.
Auf uns übertragen bedeutet es, dass wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf die anderen richten und uns selbst dabei aus dem Blick verlieren.
Das geschieht schleichend und besonders dann, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse dauerhaft zurückstellen, Entscheidungen anderen überlassen oder uns aus Angst unterwürfig geben, statt uns mit unseren Empfindungen und Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen.
Ob unterwürfiges Verhalten uns schwächt oder ob sich darin wertvolle Fähigkeiten zeigen, hängt also vor allem vom Antrieb ab. Handeln wir aus Verbundenheit, oder handeln wir aus Angst, nicht dazuzugehören?
Wir müssen unsere Unterwürfigkeit nicht bekämpfen
Manche Menschen kämpfen gegen ihre Unterwürfigkeit an, wie gegen einen Feind, den es zu besiegen gilt. Andere gehen den entgegengesetzten Weg. Sie ignorieren sie, kleben einen Smiley darüber und tun so, als wäre alles in Ordnung.
Beide Wege führen zu innerem Schmerz oder Leid, denn weder Kampf noch Verdrängung bringen uns näher zu uns selbst.
Mir hat es geholfen, mich selbst liebevoll zu beobachten
und milde mit mir zu sein, wenn ich aus der Macht der Gewohnheit heraus Angst gespürt habe und wieder unterwürfig war.
Das bedeutete für mich, mit dem zu stoppen, was ich gerade getan habe, und mich mir selbst zuzuwenden. Ich habe innegehalten und gespürt, was gerade in mir passiert, ohne es sofort ändern zu wollen. Und ich habe mich gefragt, was ich brauche, um mich wohl zu fühlen.
Heute begegne ich mir in den Momenten, in denen die alte Angst da ist, wie einem Kind. Einem Kind, das sich versteckt, weil es befürchtet, ausgelacht oder weggeschickt zu werden. Ich frage mich, wovor es sich schützt, und begegne ihm mit Verständnis. Genau das schenke ich mir selbst auch. Und je mehr ich mich selbst verstehe, desto leichter fällt es mir auch, andere zu verstehen und passender zu reagieren.
Was sich verändert, wenn wir wieder mehr
zu uns stehen
Wenn wir wieder mehr zu uns stehen, verändert sich zuerst die Wahrnehmung. Ich nehme heute viel deutlicher wahr, was in mir ist, und kann dadurch besser auf mich achten. Ich kann mich leichter in die Stimmung bringen, die ich mir wünsche, statt mich von der Angst bestimmen zu lassen.
Ich fühle mich wohler. Wahrgenommen. Ernst genommen. Und auf eine gewisse Weise wichtig, weil ich mir selbst wichtig bin.
In mir ist heute viel mehr Freude und Leichtigkeit. Weil ich mich mit mir selbst wohl fühle, bin ich auch mutiger geworden und traue mir mehr zu.
Das bedeutet nicht, dass ich laut oder rücksichtslos geworden bin. Ich bin und bleibe feinfühlig und friedliebend. Der Unterschied ist, dass ich nicht nur Rücksicht auf andere nehme, sondern in erster Linie auf mich selbst.5 Tipps, wenn Deine Unterwürfigkeit auf Angst basiert
1. Achte auf Deine Körpersignale
Oft merkt der Körper früh, dass etwas nicht stimmt. Ein Kloß im Hals, bevor Du zustimmst. Verspannte Schultern, während Du lächelst.
Wenn Dir das nächste Mal Dein Körper ein Zeichen gibt, halte kurz inne und frag Dich, ob Du Dich gerade zurückhältst und wie es Dir damit geht.
2. Schreib Dir auf, wann Du Dich zurückgehalten hast
Wichtig dabei ist, dass Du nicht mit Dir schimpfst und Dir auch keine Vorwürfe machst.
Entscheidend ist, dass Du es gemerkt hast, denn das ist der erste Schritt, etwas zu verändern. Magst Du Dich dafür anerkennen?
Du könntest es so machen: "Beim Mittagessen mit den Kollegen habe ich genickt, obwohl ich anderer Meinung war." Nach ein paar Wochen erkennst Du Muster. Vielleicht passiert es besonders oft bei bestimmten Menschen oder in speziellen Situationen.
3. Such Dir echte Nähe, nicht nur Zugehörigkeit
Wenn wir uns anpassen, um dazuzugehören, fühlen wir uns danach trotzdem oft allein. Das liegt daran, dass die anderen nicht uns kennenlernen, sondern nur die angepasste Version von uns. Echte Nähe entsteht erst, wenn wir uns zeigen, wie wir wirklich sind.
4. Übe kleine "Neins" in einem sicheren Umfeld
Fang nicht bei der schwierigsten Situation an. Vielleicht sagst Du, dass Du doch keine Lust auf Pizza hast, sondern lieber etwas anderes essen möchtest. Das kann der Anfang einer Veränderung sein.
So wie aus einem Samenkorn ein großer Baum werden kann, so kann aus einer kleinen Veränderung auch etwas Großes entstehen.
5. Steh zu Deiner Meinung
Vielleicht reicht am Anfang ein einziger Satz in einer Runde, in der Du Dich sicher fühlst. Mit jedem noch so kleinen Satz wächst Dein Vertrauen in Dich und Du wirst mutiger.
Ich bin auch nicht der Typ, der laut herumpöbelt. Mir ist es lieber, achtungsvoll und wertschätzend zu kommunizieren. Sprichst Du auch gerne so mit anderen, wie Du von ihnen angesprochen werden möchtest?
Mehr dazu, wie Du Schritt für Schritt echter zu Dir selbst findest, liest Du auch im Beitrag Authentisch sein.
Ich fasse das Wichtigste noch einmal zusammen
Ein unterwürfiger Mensch ist nicht automatisch schwach. Dahinter können wertvolle Fähigkeiten liegen: echte Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen, der Wunsch nach Frieden und Verbundenheit. Schwierig wird es dort, wo Angst zur Antreiberin wird und wir uns dabei selbst aus dem Blick verlieren.
Selbst im Tierreich hilft Unterordnung dabei, Konflikte zu vermeiden und den Frieden in einer Gruppe zu bewahren. Ein unterwürfiger Mensch zu sein bedeutet also nicht, dass mit uns etwas nicht stimmt. Es zeigt, dass wir einmal einen guten Grund hatten, uns zurückzuhalten.
Wir müssen diesen Teil in uns nicht bekämpfen. Er darf da sein, und wir dürfen gleichzeitig lernen, ihm weniger Raum zu geben, wenn Angst und nicht echte Verbundenheit der Antrieb ist.
Ich wünsche Dir, dass Du Schritt für Schritt wieder mehr zu Dir stehst und dabei spürst, wie Du Dich immer wohler und freier fühlst.
Von Herzen
Deine

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